Inventur – eine persönliche Bestandsaufnahme durch Parallelgedichte

Ein Gedicht schreiben zu müssen, wenn man sich eigentlich nicht als Dichter sieht, ist sicherlich kein einfaches Unterfangen. Um die Möglichkeit offen zu halten, vielleicht später doch noch Literat zu werden, kann man natürlich auch prophylaktisch das Schreiben von gereimten Produkten üben. Außerdem müssen moderne Gedichte gar nicht gereimt sein. Der Deutsch-Leistungskurs in der Q1 liest in diesem Jahr den Roman „Unter der Drachenwand“ von Arno Geiger, kein alter Schinken, sondern erst 2018 erschienen. Der Protagonist verbringt nach einer Kriegsverletzung an der Ostfront ein Jahr zur Erholung in einem kleinen österreichischen Ort am Mondsee. Auch er macht eine Bestandsaufname seines bisherigen 25-jährigen Lebens, sechs davon im Krieg, sie fällt nicht gut aus. Statt Studium Überlebenskampf im Krieg in Russland. Zur Einstimmung auf die Lebenssituation vieler Menschen im vorletzten Kriegsjahr sollte der Kurs ein Parallelgedicht zu Günther Eichs Gedicht „Inventur“ schreiben, welches unter den Eindrücken der Kriegsgefangenschaft in den Jahren 1945/46 entstand. Der Kontrast könnte nicht stärker sein, der heutige Überfluss spiegelt sich wider. Wer möchte, kann nun zunächst das Originalgedicht lesen und dann selbst ein Parallelgedicht dazu verfassen und u.U. hier veröffentlichen indem er es an a.wakenhut@dev.gym-gevelsberg.de schickt. Oder er liest gleich einige Produkte aus dem Deutsch-LK.

Günter Eich, Inventur (1945/46)

Dies ist meine Mütze,
dies ist mein Mantel,
hier mein Rasierzeug
im Beutel aus Leinen.

Konservenbüchse:
Mein Teller, mein Becher,
ich hab‘ in das Weißblech
den Namen geritzt.

Geritzt hier mit diesem
kostbaren Nagel,
den vor begehrlichen
Augen ich berge.

Im Brotbeutel sind
ein Paar wollene Socken
und einiges, was ich
niemand verrate,

so dient es als Kissen
nachts meinem Kopf.
Die Pappe hier liegt
zwischen mir und der Erde.

Die Bleistiftmine
lieb ich am meisten:
Tags schreibt sie mir Verse,
die nachts ich erdacht.

Dies ist mein Notizbuch,
dies meine Zeltbahn,
dies ist mein Handtuch,
dies ist mein Zwirn.

Jeanus Silva, Inventur (2020)

Dies sind meine Schuhe,
dies ist einer meiner vielen Mäntel,
hier meine Kosmetikprodukte
im riesigen Badezimmerschrank.

Mein Zimmer :
Mein Kleiderschrank, mein Fernseher,
Ein paar Kerzen auf der Fensterbank und noch viel mehr Kleinkram zu finden.

Das Zimmer ist voller Sachen
gekauft für teures Geld, welches die Eltern verdienten,
Geld im Überfluss vorhanden,
doch niemand schätzt es wert.

In der Designertasche sind
ein Handy sowie iPad
und vieles,
was ich eigentlich nicht brauche,

so dient sie als Accessoire
schön in meinem Zimmer.
Das warme Bett, auf dem ich schlafe,
könnte nicht bequemer sein.

Das IPad hier in meiner Hand
nimmt mir sehr viel Arbeit ab:
tags tippe ich diese Verse,
über die ich nachts nicht nachdenke.

Dies ist mein Handy,
dies ist mein geschmücktes Zimmer,
dies ist mein vieles Geld,
dies ist alles was ich eigentlich nicht nötig hab‘.

Leon Salvatore, Das Schönste im Leben, Inventur (2020)

Dies ist meine Familie,
dort meine Freunde,
hier meine Schule,
dies ist mein Ort.

Den Fußball, den lieb ich auch,
er gehört nur mir,
es macht einfach Spaß
zu sein mit dir.

Dies ist mein Zimmer,
dies ist mein Fernseher,
hier mein Handy,
dort meine Airpods.

Dies ist mein Auto,
dies ist mein Motorrad,
hier mein Schmuck
den ich geschenkt bekam.

Meine Hosen, meine Schuhe,
meine Jacken, meine Shirts,
mein Reichtum,
meine Vielfalt.

Dies sind meine Fotos,
hier meine Bücher,
dort meine PlayStation
und noch vieles mehr.

Dies ist mein Stolz,
dies ist mein Reichtum,
dies ist meine Zukunft,
das ist mein Leben.

Marie Brenne, Selbstverständlichkeit? (2020)

Dies sind meine Mäntel,
dies sind meine Mützen,
hier mein ganzer Schmuck
im Kästchen aus Gold.

Mein Kleiderschrank:
Für Hosen, für Röcke,
oft kaufe ich sie neu
dann will ich sie nicht mehr.

Mein Zimmer im eigenen Haus,
mit schönstem Garten,
den Blumen und Blüten
als Geschenk der Natur schmücken.

Ruhe und Stille,
wann immer ich sie wünsche,
umgeben meinen Heimatort
mit seinem unbeschreiblichen Heimatsgefühl.

Glück, Gesundheit, Liebe, Freude,
alles Tugenden die wir besitzen,
Kälte, Wärme, Hoffnung, Trauer,
alles Tugenden die wir besitzen.

Trotz Aufzählung dieser Geschenke,
trotz Wahrnehmung dieser Geschenke,
nehme ich mir viel zu wenig Zeit,
dies alles mal wertzuschätzen.

Tim Schäfer, Inventur eines Millionärs (2020)

Dies sind meine Hüte,
dies sind meine Anzüge,
hier meine Kleidung
im großen Designerschrank.

Besteckkoffer:
Mein Silberbesteck, mein Weinglas,
mit seltsamen Symbolen
und Verzierungen bestückt.

Verziert von meinem Goldschmied,
der Beste der Stadt,
den ich weiterempfehle
an faszinierte Gäste.

In meiner Villa sind
nicht alle meine Sachen,
so viele, dass ich sie
in Garagen einlagere.

Riesengroßes Himmelbett,
mit Samtvorhängen,
und drei vier Decken,
im dritten Stock meines Anwesens.

Meine Autos
lieb ich am meisten:
Im Sommer mit dem Cabrio über die Straßen,
im Winter mit dem SUV durch den Schnee.

Dies ist mein Besitz,
dies sind meine Uhren,
dies sind meine Juwelen,
dies ist alles mein.

Katharina Gödde, Mein Reiserucksack (2020)

Dies ist die Jacke
Dies ist die Hose
Dies ist der Pullover
Dies sind die Schuhe
Die liebsten Sachen von allen

Meine Zahnbürste
Meine Haarbürste
Mein Kulturbeutel
Das ist es, was
immer im Rucksack ist

Meinen kleinen blauen Glückstein,
habe ich auch immer dabei
Er ist nur mein
Er bringt mir Zuversicht auf
meiner Reise um die Welt

Mein Geld, vor Langfinger
ganz unten im Rucksack,
gut versteckt
um mir die Köstlichkeiten
des Landes zu kaufen

In jedem anderen Land
gibt es etwas Neues zu entdecken
eine Unterkunft
die such ich mir
dort wo ich zurzeit bin

Das Handy brauche ich am meisten,
um die Erinnerungen zu speichern
auch für ein ,,Hallo wie geht’s „
nach Hause zu schreiben
die Familie immer im Hinterkopf zu behalten

Die lange Reise auf gute Weise
den Kindern die Geschichten zu erzählen
doch meine Reise
die geht noch weiter
bis mich das Heimweh nach Hause holt.

Pia Refflinghaus, Rucksack Reise (2020)

Dies ist meine Hose,
dies ist mein Pullover,
hier mein Duschzeug
im Beutel aus Stoff.

Edelstahlbecher:
Mein Teller, mein Becher,
in das Edelstahl
ist mein Name graviert.

Im Rucksack sind
ein paar wollene Socken
und einiges, was nicht
jeder wissen muss.

Mein Rucksack dient meist als Kissen
vor allem nachts meinem Kopf.
Das Bett hier ist meine Bleibe
für diese eine Nacht.

Was ich am meisten vermisse,
ist meine Familie,
meine Schwester, meine Mutter
und mein Vater.

Aleyna Sakal, Mein Gepäck für die Reise (2020)

Hier ist mein Koffer,
der mich auf meiner langen Reise begleitet.
Er ist mein Koffer,
das Nötigste für mich bewahrt.

In meinen Koffer
packte ich meine Kleidung,
vom Hut zur Unterwäsche,
alles Denkbare ist dabei.

Ich packte Utensilien für meine Pflege,
für meine Abend- und meine Morgen-Routine.
von Stiefeln zu Sandalen,
alles packte ich in meinen Koffer.

Mein Rucksack:
Birgt mein Handy und mein Geld.
Proviant für den Weg ist auch dabei,
Kopfhörer und Powerbank fehlen nicht.

Mir fehlt es an nichts für meine große Reise,
nur die richtige Person an meiner Seite.

Jonah Husseck, Inventur (2020)

Dies sind alle meine Klamotten
viel zu viele
hier sind meine ganzen Parfüms
benutzen tu ich nur eins.

Spardose:
Mein Geld, meine Ersparnisse
könnte ich andern was von abgeben
stattdessen gebe ich es aus
Sinnlos für unnützes Zeug.

Im Rucksack warme Handschuh und Mütze
Wärmen mich
andere frieren und sitzen auf dem kalten Boden
doch ich geh nur an ihnen vorbei.

Mein großes Bett
lieb ich am meisten
Nachts gibt es mir Wärme
während draußen Menschen frieren.

Dies ist mein Haus
Dies mein Pool
Dies meine Familie
Dies ist mein Leben.

Lorenzo Salvatore, Mehr brauche ich nicht (2020)

Dies ist mein Zuhause,
Dies ist mein Zimmer,
hier mein Kleiderschrank
darin meine Kleidung.

Tasche:
Mein Handy, mein Schlüssel,
Ich habe an meinem Schlüssel
einen Anhänger befestigt.

Einen Stein,
der grün ist,
der die Form
eines Fisches hat

Links mein Bett
mit sehr vielen Decken,
rechts,
mein schwarzer Fernseher.

Die Jalousien
dienen als Schutz vor dem Licht.
Am Wochenende
möchte ich bis spät am Tag schlafen.

Das iPad
nutze ich am meisten:
Tagsüber mache ich Hausaufgaben,
die ich erhalten habe.

Dies ist mein Heim,
dies ist mein Zimmer,
dies ist mir wichtig,
mehr brauche ich nicht.